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1. Einführung in die Phytomedizin


1.1 Allgemeines


Begriffsbestimmung

Die Phytomedizin ist die Wissenschaft von den Krankheiten und Beschädigungen der Pflanzen, ihren Ursachen, Erscheinungsformen, ihrem Verlauf, ihrer Verbreitung sowie von den Maßnahmen und Mitteln zur Gesunderhaltung der Pflanzen und der Regulierung der Schadursachen (Aust et al., 2005).

 

 

Der Begriff der „Phytomedizin“ geht auf die Mitglieder des „Verbandes Deutscher Pflanzenärzte“ (1928-1939), im Besonderen auf Otto Appel zurück. Der als „Organisator des deutschen Pflanzenschutzes“ bezeichnete Otto Appel suchte bereits frühzeitig das als „Phyto-Medizin“ bzw. „Pflanzen-Medizin“ (Appel, 1923) terminologisch zusammenzufassen. So forderte er, dass die ausbildenden Fachleute „entsprechend den Human- und Veterinärmedizinern, die Phyto-Medizin“ vertreten müssen.

 

„Ebenso wie man zum kranken Menschen und zum kranken Tiere den Arzt ruft", beschrieb O. Appel 1923 seine Auffassung, „muss es in Zukunft möglich werden, auch beim Auftreten von Pflanzenkrankheiten den Pflanzenarzt zu Rate zu ziehen, der in der Lage ist, die vorliegende Krankheit richtig zu beurteilen und der, soweit es sich um die wichtigsten und häufigsten Krankheiten handelt, auch die Anordnungen zu treffen vermag, die eine Heilung oder weitere Ausbreitung verhindern. Er muss ... auch vorbeugend wirken, etwa so, wie es in der menschlichen Medizin durch Maßnahmen der Hygiene erfolgt".

 

Davon ausgehend hat er dieses Konzept der Phytomedizin während seiner langjährigen Tätigkeit als Direktor der ab 1919 so bezeichneten „Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft" zur klassischen Entfaltung gebracht und damit selbst aktiv Wissenschafts- und Institutionengeschichte gestaltet (Sucker, 1998). Der Begriff „Phytomedizin“ wird erkenntnistheoretisch als Einheit von Phytopathologie und Pflanzenschutz bzw. der diese konstituierenden Teildisziplinen wie z. B. Mykologie, Entomologie, Bakteriologie, Virologie, Herbologie, Schädlingskunde u. a. gedacht (vergl. Feldmann, 2004). Als deren „vereinende Wissenschaft" (Mühle, 1967) trägt die Phytomedizin in wissenschaftstheoretischer Hinsicht in vergleichbarer Weise wie die Termini „Humanmedizin“ und „Veterinärmedizin“ dem Spezifikum einer angewandten Wissenschaft Rechnung. Das Spezifikum besteht in der untrennbaren Einheit von Forschungsergebnis und Praxis.

 

Die Prägung des Begriffes „Phytomedizin“ war eine Folge der „Ausdifferenzierung" (Stichweh, 1982) des „Fachgebietes Phytopathologie und Pflanzenschutz" (Staar und Reimuth, 1974), d. h. der Aufspaltung in viele Teildisziplinen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Im Ergebnis dessen verlor das Moment der für angewandte Wissenschaften notwendigen spezifischen Einheit von Theorie und Praxis zunächst immer mehr an Bedeutung. Diese Entwicklung ließ die „Forderung nach Zusammenfassung und Neuordnung unter einem wissenschaftlichen Leitgedanken laut werden" (Staar und Reimuth, 1974).

Der Forderung kamen Wissenschaftler der Biologischen Reichsanstalt nach, wie z. B. 1919 der Entomologe und Begründer des Vorratsschutzes Fr. Zacher, 1923 O. Appel und 1937 der Phytopathologe H. Braun. Das historische Verdienst der Genannten besteht darin, die wissenschaftstheoretische Notwendigkeit der Zusammenführung der differenzierten Gebiete „Phytopathologie“ und „Pflanzenschutz“ als eine unabdingbare Grundlage für die weitere Entwicklung ihres Fachgebietes begriffen und zu deren Lösung beigetragen zu haben. Die Prägung des Begriffs „Phytomedizin“ war deshalb Ausdruck eines inzwischen erreichten hohen Reifegrades der Phytopathologie. Die Diskussion um das interdisziplinäre Fachgebiet Phytomedizin ist bis heute in ständigem Fluss (vgl. Grossmann, 1971, Feldmann, 2004).

Die berufsständische Vertretung der vormals als „Pflanzenärzte“ und derzeit als „Phytomediziner“ bezeichneten Wissenschaftler übernimmt seit etwa 60 Jahren die Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft e.V.


  • Appel, O. 1923: Der Pflanzenschutz im Unterricht. In: Schoevers, T.A.C.: Report of the International Conference of Phytopathology and economic Entomology, Wageningen. 
  • Aust et al. 2005: Glossar phytomedizinischer Begriffe. 3. Aufl. Ulmer.
  • Feldmann, F. 2004: Die Zusammensetzung der Mitglieder der DPG. Phytomedizin 34 (3), 41-46.
  • Grossmann, F. 1971: The concept of phytomedicine. Indian Phytopathology 24, 247-257.
  • Mühle, E. 1967: Phytomedizin und Pflanzenschutz.  Der Pflanzenarzt 20, 115-118
  • Staar, G. Reinmuth, E. 1974: Phytopathologie und Pflanzenschutz - Phytomedizin. In: Klinkowski, M. (Hrsg.): Grundlagen und allgemeine Probleme der Phytopathologie und des Pflanzenschutzes. 2. Aul. Bd 1, S. 3-5.
  • Stichweh, R. 1982: Ausdifferenzierung der Wissenschaft: eine Analyse am deutschen Beispiel. Bielefeld, Wissenschaftsforschung 8.
  • Sucker, U. 1998: Anfänge der modernen Phytomedizin. Mitt. d. Biol. Bundesanstalt 334.


Kernkompetenzen der modernen Phytomedizin


Zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen tragen ihren Anteil zur Phytomedizin bei.

Die zentrale Gruppe nennt wesentliche Grundlagenfächer, deren Lehrinhalt in die Phytomedizin eingehen. Um sie herum gruppieren sich agrarwissenschaftliche Disziplinen, die im Rahmen phytomedizinischer Arbeit besonderes Gewicht erlangt haben und für die von seiten der Phytomedizin vielfältige eigene Beiträge geleistet werden. An speziellen Schaderregergruppen orientierte Fachgebiete ergänzen das Spektrum der Kernkompetenzen der Phytomedizin.

Die ätiologische, ursachenorientierte Arbeit führte einerseits zu einem starken Anwachsen unserer Kenntnisse über die vielfältigen Schadursachen, andererseits blieben zum Teil selbst einfache Beziehungen zur Schadensentwicklung unter Produktionsbedingungen ungeklärt.

In unserer Zeit werden vermehrt größere Zusammenhänge untersucht. Fachgebiete sind dabei für die Phytomedizin besonders wichtig geworden, die  sich in der Regel auf mehrere oder alle Erregergruppen beziehen und vielfach nichtparasitäre Schadursachen einschließen.

Dabei wird versucht, die von Schadursachen bedrohte oder bereits geschädigte Pflanze in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken.

Die Bedeutung der Phytomedizin für die Öffentlichkeit, z.B. für die Ernährungssicherheit oder die  Sicherung nachwachsender Rohstoffe, ist heute so groß wie bereits vor 100 Jahren.

Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse und praktischen Empfehlungen haben vielfältige Rückwirkungen auf Produktion, Verarbeitung und Verbrauch von Pflanzen. So gerät sie nicht selten mit Teilgebieten in die öffentliche Diskussion um aktuelle politische Fragen, die auf ihre Zielsetzungen Einfluß nimmt. Daraus ergibt sich auch eine historische Dimension, die Beachtung verdient.


1.2 Geschichte der Phytomedizin


1.3 Gesunde Pflanzen - Gesunde Nahrung: Gesellschaftlicher Nutzen der Phytomedizin


Die Phytomedizin verknüpft die Wissenschaft der Pflanzenkrankheiten und -beschädigungen mit der Praxis eines umfassend angelegten Pflanzenschutzes.

Damit ist die Phytomedizin von zentraler Bedeutung für die Sicherung der Ernährungsgrundlage der Bevölkerung. Sie garantiert qualitativ hochwertige pflanzenbauliche Produkte in ausreichender Menge. Sie schafft die Grundlage für eine adäquate Pflanzenquarantäne und den sicheren  Handel mit agrarischen und gartenbaulichen Erzeugnissen.

Die Kernkompetenzen der Phytomedizin sind eingebunden in interdisziplinäre und transdisziplinäre Interaktionsfelder (s. Abb.), die sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen und sozialen Belange des Pflanzenbaus einbeziehen und  damit die nachhaltige Entwicklung von Pflanzenbausystemen vorantreiben.


 

Aus: R. Heitefuß und F. Klingauf  (2004): Gesunde Pflanzen - Gesunde Nahrung



1.4 Rechtliche Rahmenbedingungen für die Phytomedizin



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